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16.01.2022

Querdenker

Ich bin ein Querdenkerversteher. Jedenfalls wenn ich die nicht dazu zähle, die ein Ministerpräsident kürzlich so treffend „die Aasgeier der Pandemie“ genannt hat. Gemeint waren die rechtsnationalen Menschenfeinde, die wieder einmal - wie zu Zeiten der Flüchtlingskrise - ihr stinkendes braunes Süppchen auf dem Feuer gesellschaftlicher Konflikte kochen. Wieder versuchen sie, die Diskussionen und Demonstrationen zu kapern, die Menschen zu täuschen und zu verwirren mit ihrem faschistischen Geistesgift. Nein, die meine ich nicht. Ich meine all die wohlmeinenden, arglosen, besorgten Verführten, die in einer Flut von Falschinformation, Lügen und Fehlschlüssen die Orientierung verloren haben und - ihrem „Bauchgefühl“ folgend - den eigenen Glauben über wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse stellen. Sie sehen nicht das Offensichtliche. Die verstehe ich. Immerhin bin ich Psychologe und damit hauptberuflich Menschenversteher.

Mit einem Querdenker zu diskutieren ist wie mit einer Taube Schach zu spielen: Am Ende schmeißt sie alle Figuren um, kackt auf das Brett und stolziert mit stolz geschwellter Brust umher, als habe sie gewonnen. (Netzfund)

Hast Du schon einmal mit einem Querdenker diskutiert? Nein? Also wer das noch nicht ausprobiert hat, kann es sich nicht vorstellen, wie das ist. Ich habe das jetzt mehrfach ausprobiert. Und ich weiß jetzt, wie es ist. Es ist erschütternd und es ist komplett verrückt. Und am mit am verrücktesten ist, dass es bis jetzt jedes Mal sehr ähnlich war, obwohl die Menschen so unterschiedlich, der Anlass so verschieden und das Medium ein anderes. Die Anlässe unterschieden sich, doch die Kommunikationsmuster waren erkennbar dieselben, egal ob ich auf Facebook mit einer Unbekannten oder per Mail mit einem alten Kumpel aneinandergeraten war: Sie kommen immer wieder auf dieselbe Tour um die Ecke.

In der Kommunikation mit Querdenkern gibt es ganz bestimmte Figuren, Floskeln und Taktiken, die sich wiederholen, die immer wieder auftauchen und offenbar unabhängig von Personen sind. Solche psychologischen Muster im Kommunikationsverhalten sind weder angeboren, noch Bestandteil eines als stabil gedachten Charakters. Ganz im Gegenteil. Solches Verhalten ist gelernt. Es wird teilweise absichtlich von Influencern der Szene abgekupfert, teilweise färbt es auch ganz einfach ab.

Durch die Übernahme von Sprachmustern werden die Denkmuster übernommen. Das menschliche Denken ist sprachbasiert, wir denken wie wir reden. Die Rede (mündlich oder schriftlich) von Querdenkern weißt typische manipulative Muster auf, die auch systemisch und nicht nur individuell interpretiert werden müssen. Diese manipulativen Sprachmuster und Denkweisen sind dem Querdenkertum eigen und werden von denjenigen übernommen, die sich darauf einlassen.

  1. Kontaktaufnahme erfolgt häufig durch eine Provokation oder Abwertung der Person
  2. Wenn Querdenker der Meinung sind, man höre ihnen zu, wird man mit einem Schwall unbegründeter und unbedarfter Behauptungen überschüttet, die teilweise im krassen Gegensatz zur Logik, Naturwissenschaft und dem Wissen über die Fakten dieser Welt stehen
  3. Wenn man sich kritisch dazu äußert, wird mit Beleidigungen reagiert
  4. Querdenker sind extrem empfindlich gegenüber Kritik, sofort eingeschnappt und greifen Dich als Person an, anstatt sich auf Argumente einzulassen
  5. Dabei schrecken sie nicht vor vollkommen überzogenen und geradezu wahnwitzigen Vorwürfen und Unterstellungen zurück
  6. Damit einhergehend wird – häufig verbunden mit einer grotesken Täter-Opfer-Umkehr, die Opferrolle eingenommen und das große Jammern darüber beginnt, wie wenig Toleranz, Akzeptanz und Respekt man den Querdenkenden angeblich entgegenbringt und wie ungerecht das alles sei, wie diktatorisch das Regime, wie hinterhältig die Pläne usw.
  7. Wenn man sich bemüht, Toleranz zu zeigen, gehen die Beschimpfungen aber weiter
  8. Wenn man offenkundigen Unsinn mit Sachargumenten widerlegt, steigern sie sich
  9. Typischerweise sind die Vorwürfe, die dann kommen, sehr selbstentlarvend, will sagen, dass einem die Querdenker versuchen exakt die Denkfehler und emotionalen Entgleisungen zu unterstellen, die einem aus deren Reden geradezu entgegenschreien. Ich nenne das die „trumpeske“ Opfer-Täter-Umkehr, weil bei diesem prominentesten aller Querdenker solches Getue immer wieder zu beobachten war. Der Brandstifter ruft laut „Feuer“ und beschuldigt den Anderen der Tat. Der zu Boden gegangene Boxer springt auf und reißt die Arme nach oben, als sei er der Sieger. Der ausfällig Beleidigende bezichtigt das Gegenüber der Beleidigung.
  10. Querdenker, Verschwörungstheoretiker und Impfgegner wähnen sich stets im Besitz einer exklusiven Wahrheit, die nur ihnen als Eingeweihten und Erwachten bekannt ist, der großen Masse der Bevölkerung aber nicht. Der selbstgefällig im Wahn Gefangene beschreibt seinen Dialogpartner als blind oder schlafend, während er selbst in nachweislich falschen Zusammenhängen denkt und spricht. (Diese Art der Verdrehung und Verzerrung erzeugt häufig Verzweiflung, Schuldgefühle und ohnmächtige Wut beim Gegenüber.)

Verdrehte Welt

Man möchte manchmal lauthals lachen, doch irgendwann wird einem klar: Das ist kein Trick, das ist keine Satire, das ist kein komplizierter Witz, sondern das Gegenüber glaubt das tatsächlich. Waschechte Querdenker glauben wirklich, dass Corona gar nicht existiere, dass es völlig harmlos sei, dass Masken gar nicht gegen Viren hülfen, dass Impfungen gar nicht wirkten und/oder gefährlicher seien als die Krankheit, dass alles, was in der Zeitung stünde, erstunken und erlogen sei, dass quasi alle Regierungen, Konzerne und Medien dieser Welt unter einer Decke steckten und Teil einer gigantischen Verschwörung seien und so weiter und so fort. Die Anhänger (und das sind Millionen weltweit!) der verbreitetsten Verschwörungstheorie unserer Tage, Q-Anon, glauben tatsächlich, dass eine geheime Gemeinschaft pädophiler Politiker, Journalisten und Wissenschaftler aus dem US-Demokratischen Milieu, mit deren Meinung man nicht übereinstimmt, Kinder entführen und schlachten und aus deren Blut ein Verjüngungsmittel gewinnen.

Wahn

Was einem ziemlich bald bei allen Querdenkern ins Auge fällt, ist die andauernde Verdrehung von Tatsachen, das Leugnen offensichtlicher Wahrheiten, die Schläge mit der flachen Hand ins Gesicht des gesunden Menschenverstandes. Und das genau ist ein Merkmal des Wahns.

Wahn ist gekennzeichnet durch eine gestörte Ideen- und Urteilsbildung, für die drei Wahnkriterien gelten (K. Jaspers): 1. die subjektive Gewissheit, 2. die Unkorrigierbarkeit durch Erfahrungen oder zwingende logische Argumente und 3. die Unmöglichkeit des Inhaltes.

Wahn ist ein seelischer Zustand, „der von starker Ichbezogenheit und falschen Urteilen über die Realität geprägt ist und so zu unkorrigierbaren Überzeugungen führt. (…)  Wenn ein solcher Zustand das Leben der betroffenen Person vollständig bestimmt, kann der Wahn als Krankheit aufgefasst werden.“ (Wikipedia) Als krankhaft werden im allgemeinen Verhaltensweisen bezeichnet, die äußeren oder inneren Schaden bei den Betroffenen selbst oder ihren Mitmenschen bewirken. Wahn erzeugt Leid. Hexenwahn, Rassenwahn und Impfwahn sind Beispiele dafür, wie paranoid entgleistes Denken und Fühlen größere Teile einer Bevölkerung erfassen - und millionenfaches Leid erzeugen kann.

Massenwahn

Vor dem Aufkommen der Social Media glaubte man, dass das Entstehen eines sozialen Massenphänomens an die persönliche Anwesenheit gebunden sei. Doch dem ist ganz offensichtlich nicht so. Wenn Menschen sich leibhaftig zusammenfinden und richten ihre Aufmerksamkeit gemeinsam auf etwas aus, entsteht eine emotionale Resonanz zwischen ihnen. Sie geraten in eine gemeinsame Stimmung, in einen Fluss der geteilten Emotion. Die psychologische Wirkung solchen Geschehens ist dramatisch: Unter dem Einfluss des Spirits einer großen Gruppe, die gemeinsam starke Emotionen erlebt, können sich Weltbilder ändern, Einstellungen und Werte sich wandeln, obwohl diese tieferen Ebenen unseres Seelenlebens normalerweise nicht so einfach beeinflussbar sind, selbst wenn man das will. Aber die Anwesenheit und emotionale Erregung einer Gruppe kann das bewirken.

Solche Resonanzphänomene lassen sich inzwischen auch im Netz beobachten und sie beeinflussen mittlerweile Millionen von Menschen. Das Gefühl der Empörung und Wut auf die Herrschenden bei gleichzeitigem abgrundtief empfundenen Misstrauen gegenüber Experten und Institutionen sind ein weltweites Phänomen, weil sie sich online verbreiten. Das Gefühl, es „denen da oben“ einmal zeigen zu wollen gehört wohl ebenfalls dazu. Emotionen können online erzeugt und empfangen werden, emotionale Resonanz findet statt. Auf diesen Affekten reiten (wie Viren auf Bakterien) die toxischen Memes.

Bewusst-Sein

Das funktioniert, denn unser Bewusstsein, dieses erstaunliche und zutiefst rätselhafte Erlebnis, Erfahrungen in einer Welt zu machen, wird von den Emotionen hervorgebracht. Wenn die Emotionszentren im Gehirn nicht arbeiten, ist der Mensch bewusstlos. Wir spüren, wie es ist, am Leben zu sein und dass wir selbst es sind, die das Erleben. Dieses gefühlte Wissen um uns selbst, unser einzigartiges selbstreflexives Bewusstsein, ist nicht erdacht. Wir überlegen uns das nicht, sondern wir fühlen es.

Was unser Bewusstsein ausmacht ist das Fühlen eines Gefühls, nicht das Denken eines Gedankens. Und dieses Grundgefühl unseres Selbsterlebens, verpasst uns quasi eine Brille, durch die wir auf die Welt und uns selbst schauen. Eigentlich ist die Metapher der „Brille“ sogar noch zu schwach, um diesen fundamentalen Konstruktionsprozess unseres Wirklichkeitserlebens zu beschreiben. Wir sehen die Welt eigentlich nicht nur an, also mehr oder weniger passiv wie durch gefärbtes Glas, sondern wir erzeugen sie mit durch die Bedeutungen, die wir – meist unbewusst – hineinlegen. Was das Gehirn über seine Nervenbahnen von der Außenwelt empfängt, sind schließlich keine Bilder, Töne oder Gerüche, sondern zunächst mal bloß winzige, elektrische Ströme, aus denen das Gehirn als Ganzes dann eine Welt für uns zusammensetzt. Sie ist eine Simulation! Ein internes Modell der Welt da draußen, das wir als Wirklichkeit erleben. So wie uns das Nervensystem die Welt erscheinen lässt, so ist sie am Ende für uns.

Wahr-Nehmung / Wahr-Gebung

Daher ist die von uns erlebte Wirklichkeit das Produkt einer Wechselwirkung von Mensch und Welt, von Gehirn und Realität. Die Welt „an sich“ ist leer, bedeutungslos. Sie ist, was sie ist. „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“, wie der bekannte ZEN-Spruch besagt. Doch wenn wir sie anschauen, laden wir sie mit Bedeutung auf. Wir können gar nicht anders. Es sei denn, wir sind noch Kleinkind und haben das Sprechen und damit das Denken noch nicht gelernt. Doch sobald das der Fall ist, erzählen wir uns Geschichten dazu. Die Geschichten, die sich Querdenker erzählen, sind Geschichten von Angst und Unterdrückung.

Das wirklich Verrückte an der menschlichen Wahrnehmung ist, dass wir ihre Objekte im Akt des Erkennens erzeugen. Die von den Sinnesorganen und aus dem Körper kommenden Daten werden in eine Form gebracht. Sie werden strukturiert und zu Ganzheiten, Gestalten geformt, an die sich anpassen so wie Wasser an eine Oberfläche. Die Welt ist wie eine Wolke am Himmel: Wenn wir sie betrachten, sehen wir mit etwas Phantasie vielleicht Gesichter und Figuren darin. Je nach Seelenlage können die mal freundlich und mal weniger freundlich schauen. Die Welt, sie ist ein Spiegel. Wir sehen sie nicht, wie sie ist, sondern so, wie wir sind.

Das Gehirn ist eine Bedeutungsmaschine. Es ist ein Bedeutung gebendes Organ. Wir alle verkennen in unserem alltäglichen Bewusstseinszustand die nackte Realität des namenlosen Energietanzes eines von Projektionen befreiten reinen So-seins. Wir alle sind im Wahn. Es gibt eine objektiv „da draußen“ existierende, materielle Welt der Objekte. Und es gibt die subjektiv als „innen“ erlebte Welt der Empfindungen, der Gedanken und Gefühle. Doch neben dem Objektiven und dem Subjektiven existiert eine dritte Welt, deren Manifestationen unser Wirklichkeitserleben im Kern bestimmt: Das Intersubjektive. Die Welt der Vereinbarungen. Es ist das Reich der Sprache, der Symbole, der Metaphern und Geschichten. Es ist das, was nur existiert, weil und solange Menschen daran glauben. Doch glauben sie einmal daran, formt sich die Wahrnehmung entlang der mit diesem Glauben verbundenen Erwartungen und überall in der Welt scheinen dann die Zeichen und Signale erkennbar zu werden, die den Glauben bestärken.

Verschwörungsgläubige unterliegen diesem Effekt in dramatischer Weise. Er hat nicht so viel mit Intelligenz zu tun, obwohl Unwissenheit Verschwörungsglauben fördert. Querdenker stammen aus unterschiedlichen Milieus. Es sind Rechtsextreme dabei, die laut und aggressiv auftreten und auch Kundgebungen organisieren, verängstigte Bürger, die sich in Ihrer Impfangst zunehmend unverstanden und unter Druck gesetzt fühlen, aber auch Alternative, Anthroposophen und Esoteriker, sowie schlicht Durchgeknallte, Satiriker und verirrte Karnevalisten, die aber, so verschieden ihre Weltanschauungen auch sein mögen, eines eint: Sie konsumieren dieselben Nachrichtenkanäle. Hauptsächlich Telegramm-Gruppen, in denen neben harmlosen Nachrichten, wie dem Wetterbericht, unaufhörlich Wut und Angst induzierende Botschaften auf eine in die Hundertausende gehende Fangemeinde allein in Deutschland losgelassen werden. Mit Hilfe von teilweise sehr aufwändig und gut gemachten Videos, Fotos und Texten werden dort Fehl- und Falschinformationen verbreitet, alle Arten von Ängsten und Verunsicherungen geschürt, und insbesondere der Hass und das Misstrauen gegenüber seriösen Informationsquellen, den sogenannten „Systemmedien“, entzündet und befeuert. So wird die Informationsblase „wasserdicht“ und selbst die irrwitzigsten Lügen und Fälschungen, die dort permanent verbreitet werden, fliegen niemals auf.

Wahnkrank

In den psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken wird Wahn gemäß des Klassifikationssystems ICD-10 stets als Symptomfamilie beschrieben, die im Rahmen einer Schizophrenie auftritt. Bei der Schizophrenie, dem sogenannten „Spaltungsirresein“, zerfällt eine Persönlichkeit gleichsam in Einzelteile, die nichtmehr vernünftig zusammenarbeiten. Der Wahn als isoliertes Krankheitssymptom wurde in der Psychiatrie bislang eher selten benannt. Die Beschreibung eines gesellschaftlichen und politischen Phänomens als Wahn ist natürlich alles andere als unproblematisch. (s.u.) Deshalb ein kurzer Blick auf die Definition:

Kennzeichen des Wahns (E. Kraeplin):

  • eine Störung des Denkens, des Urteilens und Schließens
  • krankhaft verfälschte Vorstellungen, die einer Korrektur durch Beweisgründe und Logik nicht zugänglich sind
  • wahnhafte Ideen haben ihren Ursprung nicht in Erfahrung, sondern im Glauben
  • Affekte, starke Gefühle, sind die die wahnbildende Kraft
  • typisches Merkmal von Wahnideen ist ihre unzweifelhafte Gewissheit
  • Wahnsysteme können sich schleichend zu einer umfassenden Paranoia entwickeln

Wahn betrifft das ganze Gehirn, das gesamte Seelenleben. Das Bewusstsein des Menschen ist von etwas fremdem und destruktiven beherrscht. Toxische Gefühle, Emotionen und affektive Muster haben sich eingenistet, und bestimmen zunehmend das Denken und Handeln der Betroffenen. Dabei ist der Affekt der Antreiber und Energiespender. Dies wird besonders deutlich an dem „gehobenen Selbstgefühl“ das mit den Teilen eines Wahnsystems einhergeht, der landläufig „Größenwahn“ genannt wird. Ganz typisch ist hier die starke Kränkbarkeit der paranoiden Menschen. Der Narzissmus, die Pathologie des Selbstwertgefühls, spielt bei der Wahnentstehung eine zentrale Rolle und geht mit Paranoia einher: Zu dem Gefühl des bedroht seins durch dunkle Mächte kommt eine gnadenlose Selbstüberschätzung und ein Verkennen der eigenen Rolle und Bedeutung, sowie der tatsächlichen Möglichkeiten.

Menschen können durch systematisches Belügen oder auch durch Folter und Gehirnwäsche bestimmte Glaubensmuster eingepflanzt werden. Auch traumatische Erlebnisse können das bewirken. Damit aber ein riesiger Kollektivwahn wie das Querdenkertum und die damit einher gehenden Verschwörungstheorien als Massenphänomen erklärbar werden, müssen sich selbst verstärkende kommunikative Effekte angenommen werden, die zusätzlich zu den Persönlichkeitsmerkmalen und der Fremdbeeinflussung durch Fehl- und Falschinformation als selbständige Wahntreiber wirken.

Memes

Die Memetik bietet heutzutage aus meiner Sicht ein brauchbares Konzept und Kommunikationsmodell dafür an. Ein Mem ist ein Informationsmuster, ein manifestierter Inhalt des Bewusstseins (zum Beispiel ein Gedanke), der durch Kommunikation weitergegeben werden kann. So verbreiten sich Bewusstseinsinhalte und soziokulturelle Informationen ebenso wie menschliche Wertvorstellungen. Wir übernehmen sie von anderen, infizieren uns quasi damit wie mit Viren. Manche Ideen und Muster sind dabei sehr erfolgreich, andere kommen nicht weit. Sie stehen in einem evolutionären Wettbewerb miteinander und leben vom Verzehr anderer Memes wie wir von veganen Hamburgern.

Der typische Querdenker und Verschwörungstheoretiker ist von einer latenten Wut und Empörung erfüllt und es braucht ein leichtes, die zu entzünden. Auf dem Feuer dieser Emotion kocht der Verstand das Bedrohungskonstrukt. Gleichzeitig befeuern aber auch pausenlos nachgereichte Bedrohungsmeldungen online eine latente Angst, die irgendwie abgewehrt werden muss. Angst ist die unangenehmste Emotion von allen und kann in Wut verwandelt werden. Diesen Nutzen bieten Verschwörungserzählungen. Sie schaffen es, die eher diffusen Ängste vor Krankheit, Tod, Armut, Demütigung, Arbeitsplatzverlust usw. in wesentlich leichter zu ertragende Wut zu verwandeln, indem sie ihnen ein Objekt und eine Projektionsfläche geben.

Die Begriffe „Wahn“ und „Paranoia“ stammen aus dem psychiatrischen Kontext, bezeichnen Krankheiten. Die Fragen von Impfpflicht und anderen Corona-Maßnahmen dagegen handeln im politischen Kontext. Und da heißt es aufgepasst! Wenn wir Begriffe und Bedeutungen von einem auf den anderen Kontext übertragen oder sogar in unterschiedlichen Kontexten gleichzeitig verwenden wollen, hat die Verwirrung zumindest einen Fuß in der Tür. Totalitäre Systeme neigen in einer für uns Demokraten ziemlich offensichtlichen Weise dazu, genau damit Missbrauch zu betreiben. Sind diejenigen, welche die Segnungen des Sozialismus nicht zu sehen vermögen, nicht auch verrückt? Gehören Systemkritiker wie in der alten Sowjetunion deshalb nicht auch richtigerweise in die Irrenanstalt? Die Argumentation ist so simpel wie wirkungsvoll. Wer nun besonderes misstrauisch ist, wähnt leicht, das könne in Demokratien genauso sein.

Wutgeilheit

Doch es gibt darüber hinaus ein dunkles Geheimnis um die Wut. Sie ist eine äußerst attraktive Emotion. Wut ist geil. Die meisten Menschen sind heutzutage Gott sei Dank aggressionsgehemmt. Das verdanken wir unter anderem dem Christentum und seinem Einfluss auf unsere Kultur und Erziehung. Der linke präfrontale Cortex, das Hirnareal, das für die Bewältigung sozialer Situationen zuständig ist, verfügt beim zivilisierten Erwachsenen über eine stabile Verbindung zur Amygdala und übt geflissentlich sein sogenanntes „Vetorecht“ aus, wenn diese Sicherheitszentrale zum Schutz des Individuums die Kontrolle über das Gehirn übernehmen und dem jeweiligen Gegenüber direkt eins verpassen möchte. Diese Verbindung, der Schaltkreis „soziales Verhalten und Wutkontrolle“, ist nicht angeboren, sondern wird erworben, erlernt, durch Erziehung gebahnt und gestärkt. Irgendwann erlernen wir sozial akzeptiertes Verhalten und erwerben die Fähigkeit, auch in Situationen von Wettbewerb und Konkurrenz zivilisiert miteinander umzugehen. Die einen besser, die anderen schlechter. Wut wird in ihren Äußerungen unterdrückt. Das ist erstmal besser als sie auszuleben, doch kein psychologisch nachhaltiger Lebensstil. Der erfordert mehr.

Wut ist u.a. deshalb so attraktiv, weil sie stark macht. Sauer sein setzt Kräfte frei, die zwar zunächst mal destruktiv ausgerichtet – aber eben Kräfte sind. Das Schmerzempfinden wird unterdrückt, Puls und Blutdruck gehen hoch, Muskelspannung erhöht sich, negative Gedanken werden unterdrückt, das Ego bläst sich auf. All das fühlt sich nicht schlecht an. Ganz im Gegenteil. Nach diesem Zustand kann man regelrecht süchtig werden. Die Ausschüttung körpereigener „Drogen“ wie Adrenalin und Cortisol wird unter solchen Umständen dann ähnlich erlebt, wie eine Dosis Kokain oder Amphetamin als extrinsische Aufputschmittel. Die inneren Belohnungssysteme des Gehirns werden aktiviert. Wut ist nicht nur geil, sie macht auch süchtig. Nachdem der Hass auf Geflüchtete und der Hass auf Angela Merkel nicht mehr so recht greifen wollte, griff sich der emotionale Mob die Pandemie. Wird die einmal abgeklungen sein und kein Reizpotential mehr hergeben, werden sich Wahn und Wut wahrscheinlich der Klimakatastrophe zuwenden. Leugner gibt es auch da auch schon lange.

 

 



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